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Aus UFaS wird ThAFF - alter Wein in neuen Schläuchen
Wenn der Staat in Thüringen den Wettbewerb verzerrt ...
Die seltsame Wandlung eines Bereiches der Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen
Der im Jahr 2008 ohne Legitimation der Thüringer Wirtschaft ins Leben gerufene Unternehmer- und Fachkräfteservice Thüringen UFaS (Bestandteil der Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen LEG und damit des Thüringer Ministeriums für Wirtschaft , Arbeit und Technologie) steht vor dem Aus. Im Auftrag des Wirtschaftsministeriums evaluierte eine dänische Unternehmensberatung (Ramboll) im Jahr 2010 die UFaS. Das Ergebnis kam wie erwartet. Der Einsatz der aufgewendeten Millionen an Landesmittel und Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds (zusammen ca. 7 Mio. Euro) standen in keinem Verhältnis zu den erreichten Ergebnissen. Die Anzahl der tatsächlichen Vermittlungen von Rückkehrwilligen / Pendlern in Thüringer Unternehmen war viel zu gering und rechtfertigte nicht den getätigten finanziellen Aufwand. Zahlreiche Marketing- und Werbeaktionen verpufften und erzielten keine nachhaltige Wirkung.
Von Beginn an haben ich sowie weitere kritische Beobachter aus dem Sektor der privaten Personaldienstleister diese Aktivitäten als staatlich organisierte Wettbewerbsverzerrung und Verschwendung öffentlicher Gelder angemahnt.
Gutes meinen bringt nicht automatisch Gutes hervor!
Aber anstatt das Engagement aufzugeben und sich auf die eigentlichen Kernaufgaben der LEG zu konzentrieren oder die öffentlichen Mittel sinnvoller in anderen Bereichen einzusetzen, versucht man jetzt durch Umbenennung und leichte inhaltliche Korrekturen den alten Weg weiterzufahren.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Nach eigener Darstellung ist es eine Hauptaufgabe der Landesentwicklungsgesellschaft, Investoren nach Thüringen zu holen und dadurch neue Arbeitsplätze zu schaffen.
„Kräftig Mitwirken beim Ausbau des Technologie- und Wirtschaftsstandortes Thüringen - dafür steht die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) Thüringen mbH. Sie bereitet sprichwörtlich den Boden für Unternehmen mit Arbeitsplätzen, managt internationale Kontakte, hebt Technologiepotenziale und macht sie nutzbar, schafft attraktiven Wohnraum und ein Mehr an Lebensqualität für Thüringer Bürger, Unternehmer und Fachkräfte. Als Wirtschaftsförderer betreibt die LEG Thüringen-Marketing, forciert den Technologie- und Innovationstransfer, unterstützt die Fachkräfterekrutierung und gewinnt Investoren mit einem Full-Service für den Freistaat im Herzen Europas.“ (LEG Webseite 8.3.2011)
Versucht man den Erfolg dieses Engagements der LEG zu bewerten, ist zu analysieren, warum seit über 15 Jahren junge - vor allem gutausgebildete - Frauen und Männer ihr Heimatland Thüringen verlassen?
Sie tun dies erstens, weil es nicht genügend attraktive Arbeitsplätze in Thüringen gibt! Damit meine ich vor allem qualitativ hochwertige Arbeitsplätze, Arbeitsplätze für junge Facharbeiter und Akademiker aus vielen Wissenschaftsbereichen, moderner Technologien und des Managements.
Sie tun dies zweitens, weil die vorhandenen Arbeitsplätze (auch in den akademischen Bereichen) im Bundesdurchschnitt um 20% und schlechter bezahlt werden. Bestimmte Führungspositionen werden sogar 40 % bis 100 % schlechter vergütet.
Sie tun dies drittens, weil die „vermeintliche Krisensicherheit und Zukunftsperspektive“ zahlreicher Thüringer Unternehmen aufgrund ihrer Betriebsgröße und finanziellen Ausstattung nicht mit den weithin bekannten Großunternehmen und internationalen Konzernen aus anderen Regionen mithalten können. Das subjektive Sicherheitsempfinden und die Entwicklungschancen bei z.B. Siemens, Daimler, Bosch und Co. werden von unseren jungen Menschen - zu Recht oder zu Unrecht - höher bewertet.
Diese drei - für Thüringen existenziellen - Problemfelder sollte man im Kontext zur Wirtschaftspolitik in Thüringen sehen. Dies schließt natürlich eine kritische Betrachtung der Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen, deren hauptsächliches Betätigungsfeld neben der Entwicklung von Gewerbegebieten, die Ansiedlung von Firmen in Thüringen ist, mit ein. Zieht man eine ehrliche Bilanz, so wird man leider feststellen, dass in Thüringen in den letzten Jahren mit viel Aufwand vorrangig „nur“ gewerbliche Arbeitsplätze im Niedriglohnsegment - Arbeitsplätze als verlängerte Werkbank - geschaffen wurden. Es ist so gut wie nicht gelungen, vollstufige Unternehmen (qualitativ hochwertige und damit attraktive, gut bezahlte Arbeitsplätze in den Bereichen Forschung und Entwicklung, Marketing & Vertrieb, betriebswirtschaftliche Steuerung, Top- Management etc.) anzusiedeln. Nicht umsonst wird aus den erst vor kurzem veröffentlichten Statistiken ersichtlich, dass Thüringen unter allen Bundesländern das Billiglohnland Nr. 1 ist. Hier wird am meisten gearbeitet und am wenigsten verdient. Als rechtfertigende Bilanz erwähnt die LEG in ihren Berichten ausschließlich die Anzahl neu geschaffener oder vermutlich entstehender Arbeitsplätze. Aussagen über die qualitative Bewertung mit Blick auf die Vollstufigkeit und Attraktivität der Arbeitsplätze trifft sie nicht. Schade!
Mangelnde Attraktivität und demographische Faktoren - die doppelte Herausforderung für Thüringen
Der tatsächliche Fachkräftemangel in Thüringen ist somit nicht nur die Folge dramatischer demographischer Veränderungen sondern zum Teil auch hausgemacht. Hausgemacht von der Wirtschaft selbst und partiell auch von der Politik, die falsche Rahmenbedingungen setzte.
Umso mehr gilt es jetzt, die Abwanderung zu stoppen und Rückkehrwilligen interessante Arbeitsplätze in Thüringen anzubieten. Dies haben - neben vielen gesellschaftlichen Vertretern, Organisationen und Verbänden - auch die Verantwortlichen in der UFaS bzw. in der LEG richtig erkannt. Ich schreibe damit den Verantwortlichen der UFaS redliche und gut gemeinte Absichten zu.
Aber ist die Personalbeschaffung für Unternehmen eine Aufgabe des Staates? Rechtfertigt dies in Zeiten desolater Haushaltsfinanzen im Land Thüringen und der Unabdingbarkeit des Sparens den Einsatz öffentlicher Mittel? Die Antwort ist ein klares Nein!
Die Lösung von Personalproblemen ist eine erstrangige Aufgabe jedes einzelnen Unternehmens und damit der Wirtschaft selbst. Dazu bedarf es keiner Umbenennung von UFaS in ThAFF und der Fortsetzung der bisher wenig erfolgreichen Aktivitäten.
Ökonomisch betrachtet zählen zu den Produktionsfaktoren neben Rohstoffen / Material, Energie, Technologie, Maschinen und Anlagen vor allem das Personal in seiner Gesamtheit. Sie sind damit elementare Bestandteile der Wertschöpfungskette. In der Gestaltung und Anwendung dieser Produktionsfaktoren unterscheiden sich Unternehmen hinsichtlich ihres Erfolges. Wer für die Produktion attraktiver Produkte das beste Personal besitzt, der hat wirtschaftlichen Erfolg. Mit dem Erfolg steigen der Gewinn und die Fähigkeit zu investieren, neue Arbeitsplätze zu schaffen und auch attraktiv und wettbewerbsfähig zu vergüten. Dann bleiben unsere Menschen in Thüringen oder kommen wieder in die Heimat zurück!
Der geplante, kostenlose Vollservice zur Analyse, Auswahl, Evaluierung und Rekrutierung von Personal durch die ThAFF für die Thüringer Wirtschaft ist eine unzulässige Subventionierung. In diesem Sinne könnte man auch auf den Gedanken kommen, den Thüringer Unternehmen mit Steuergeldern die Energiekosten zu finanzieren oder für Sie das notwendige Material auf dem Weltmarkt einzukaufen. Auch dies sind Produktionsfaktoren! Spätestens an dieser Stelle wird jedem bewusst, welche absurde Idee dies bedeuten würde!
Steigende Rohstoffpreise und Kosten für Energie sind ein leidiges Problem, womit die meisten Unternehmen zu kämpfen haben. Auch die Bedingungen im Kontext des Produktionsfaktors Personal ändern sich. Diese volatilen Rahmenbedingungen erfolgreich zu meistern kennzeichnet unternehmerisches Handeln!
Im Übrigen hatten derartige staatliche Subventionen in der Vergangenheit oft den Beigeschmack von Mitnahmeeffekten. Insbesondere durch große, namhafte Unternehmen, die diese Zuwendungen (zum Beispiel bei der Ausbildung und Qualifizierung zukünftiger Mitarbeiter oder bei der Unterstützung des Rekrutierungsprozesses) finanziell und ressourcentechnisch auch allein bewältigt hätten.
Über 1000 Online-Stellenbörsen in Deutschland… und jetzt eine mehr
Mit viel Aufwand betrieb und betreibt die UFaS und zukünftig wohl die ThAFF eine Online-Stellen-Börse, in der sie Arbeitsplatzsuchende und Stellenanbieter elektronisch erfasst. Als gäbe es nicht schon genügend - mittlerweile selbst kanibalisierende - Stellenbörsen im Internet. Es gibt nationale, regionale, fach-, berufs- und ausbildungsbezogene Stellenbörsen sowie Börsen für bestimmte Branchen, kostenlose und kostenpflichtige.
Warum begibt man sich damit in einen Wettbewerb, den man aufgrund der Größe der Datenbank, der Attraktivität sowie des Bekanntheitsgrades nur verlieren kann? Mittlerweile existieren effiziente Job Robot - Anwendungen im Internet, die sofort nach entsprechenden Suchkriterien (zum Beispiel Maschinentechniker, Thüringen, Erfurt) alle verfügbaren online Stellenangebote aufzeigen. Umgekehrt kann in diesen Datenbanken jedes Thüringer Unternehmen nach qualifiziertem Personal suchen. Von der Pflege und Aktualisierung und dem dazu notwendigen Aufwand einmal ganz abgesehen. In der Vergangenheit wurden mit viel Aufwand und Akribie von der UFaS Daten gesammelt, deren Halbwertszeit ein Jahr beträgt. Welche Verschwendung!
Der Staat als Wettbewerber zu den privaten Personaldienstleistern und anderen gesellschaftlichen Einrichtungen.
Wenn Unterneh.men in Thüringen bei ihrer Personalpolitik Hilfe benötigen, dann können Sie schon jetzt auf ein breites Reservoir regionaler und nationaler Anbieter an Personaldienstleistungen zurückgreifen. Die Analyse des Personalbedarfs oder des Bedarfs an Qualifizierungsmaßnahmen, die Erarbeitung von Rekrutierungskonzepten und die aktive Mithilfe bei der Beschaffung qualifizierter Fach- und Führungskräfte wird durch genügend Anbieter aus dem privaten oder gesellschaftlichen Sektor (auch von bestehenden staatlichen Einrichtungen) in guter Qualität erbracht. Die Kompetenzen und Erfahrungen dieser Anbieter sind bei weitem höher einzuschätzen, als die erst 2008 neu geschaffene Abteilung (UFaS) der Landesentwicklungs-gesellschaft Thüringen. Die Selbstverwaltung der Wirtschaft, die Wirtschaftsverbände, Bildungsträger und die privaten Personaldienstleister sowie andere Anbieter müssen sich betriebswirtschaftlich verhalten. Das Anbieten kostenloser Dienstleistungen durch die UFaS/ThAFF verzerrt den Wettbewerb und ist kontraproduktiv. Damit wird vorsätzlich ein privatwirtschaftlicher Sektor (Dienstleistungen) geschädigt. Dies ist nicht hinnehmbar und ich vertraue auf das volkswirtschaftliche Gesamtverständnis der politisch Verantwortlichen, derartigen Aktionismus - auch wenn er gut gemeint ist - ersatzlos zu unterbinden.
Matthias Freund
Erfurt, 08.03.2011