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01.08.12 20:44 Alter: 323 days

Mit der Sänfte zum Ausbildungsplatz...

Von: FREUND HRC

Der Kampf um AZUBIS wird langsam ernst und nimmt manchmal schon skurile Formen an

Ausbildungsmesse "Vocatium 2011"

Immer mehr deutsche - vor allem in den östlichen Regionen - Unternehmen spüren deutlich den Rückgang der Schulabgänger bei der Besetzung ihrer Ausbildungsplätze. Waren sie in der Vergangenheit gewohnt, aus mehreren oder zahlreichen Bewerbern für eine Lehrstelle auszuwählen, bleiben wohl im Herbst nicht wenige Ausbildungsplätze unbesetzt. Im letzten Jahr waren es in Deutschland schon jeder fünfte Ausbildungsplatz, der nicht besetzt werden konnte und in diesem Jahr vielleicht jeder dritte. Im Gespräch mit Vertretern eines Autohauses (man erkennt es am Stern...) wurde mir ein deutlicher Rückgang qualifizierter Bewerber bestätigt. Nicht nur quantitativ spürt man die demographische Entwicklung, viele Unternehmen beklagen auch die mangelnde Ausbildungsreife. Den Beruf des Autoschlossers von früher gibt es eigentlich nicht mehr! Die Anforderungen an einen Mechatroniker (wie er heute heißt) sind viel komplexer. Da platzt mancher Traum eines Jungen an der Realität seiner tatsächlichen Kenntnisse (reflektiert an seinen Zeugnissen) und nicht bestandener Aufnahmetests.

Der Kampf um die Azubis ist in vollem Gange! Viele Unternehmen haben erkannt, die fetten Jahre sind vorbei und kümmern sich verstärkt um den eigenen Nachwuchs. Ich war am letzten Mittwoch auf einer Fachmesse für Ausbildung und Studium in Erfurt (Vocatium Thüringen) und habe mich mit zukünftigen Auszubildenden und Firmen aus Thüringen unterhalten.  Nicole und Marielle, beide sind gerade in der Abschlussphase ihrer schulischen Ausbildung möchten zum Bund oder eine Ausbildung bei der Bundesagentur für Arbeit. Auf meine Frage warum gerade diese Arbeitgeber für sie interessant sind, antworteten sie mir, dass sie einen sicheren Arbeitsplatz anstreben. Die eigenen Erfahrungen im Elternhaus mit Arbeitslosigkeit prägen sehr stark Berufswahlentscheidungen. So verwundert es nicht, dass immer mehr Jugendliche eine sichere Lebensplanung anstreben.

Was ist unseren jungen Menschen bei ihrer Berufswahlentscheidung wichtig? Warum entscheiden Sie sich für einen bestimmten eine konkrete Firma?

Neueste Untersuchungen zeigen dazu einen veränderten Wertekanon. Sicherheit kommt vor Geld! Im Einzelnen ist unseren Jugendlichen folgendes wichtig:

1.       Akzeptanz und gesellschaftliche Anerkennung

2.       Sicherheit des Arbeitsplatzes und der damit verbundenen Lebensplanung

3.       Klima am Arbeitsplatz

4.       geregeltes und planbares Arbeitsleben

5.       Entwicklungsmöglichkeiten im  Beruf und dem Unternehmen

6.       innere Bindung zum Unternehmen

7.       Verdienstmöglichkeiten

8.       Image der Firma

9.       regionale Aspekte/Arbeitsort

10.   Möglichkeiten der Mitgestaltung am Unternehmen/Innovationsfreudigkeit

Auf der Suche nach dem geeigneten Ausbildungsplatz vergleichen Schüler Berufe und Unternehmen nach diesen Kriterien. Sie nutzen vielfältige Möglichkeiten zur Informationsbeschaffung für ihre Berufswahlentscheidung. An erster Stelle steht dabei das Internet. Auf unzähligen Webseiten werden Ausbildungsplätze angeboten und vorgestellt. Die Informationsvielfalt ist sehr groß.

Unternehmen sind gut beraten, ihren Internetauftritt hinsichtlich Aufmerksamkeit und Attraktivität für junge Menschen zu optimieren. Dies gilt auch für kleine Unternehmen und Handwerksbetriebe. Gerade diese werden es in der Zukunft noch schwerer haben, geeignete Auszubildende zu finden. Die Instrumente des Web 2. 0, die sozialen Netzwerke im Internet bekommen eine immer größere Bedeutung bei der Rekrutierung des Nachwuchses. Internetforen, auf denen sich Interessierte mit bereits in der Ausbildung befindlichen Azubis über Berufe und das Firmenklima austauschen können, werden besonders hoch geschätzt.

Im Kampf um die Auszubildenden gibt es auch immer mehr skurrile Entwicklungen. 1000 € Kopfprämie bei Vertragsabschluss über eine Lehrstelle für den Auszubildenden, Zugaben wie ein Notebook als Geschenk, Jahresverträge für Handynutzung  - selbstverständlich mit neuem Handy möglichst von A…, Fahrkarten- Abonnements für die Anreise zum Ausbildungsplatz, monatliche Prämien bis zu 250 € über der regulären Ausbildungsvergütung, Zuschüsse zu Urlaubsreisen, „Kombinationspraktikas“ (Urlaub und Arbeit ) in Auslandsvertretungen der Firmen, und vieles mehr. Die von mir auf der Bildungsmesse befragten Unternehmen verneinten allerdings den Einsatz von „Lockmittel“. Noch wären sie zu derartigen „Fangmethoden“ nicht gezwungen.

Geld wird aber auch  die Probleme der demographischen Entwicklung nicht lösen. Viel wichtiger ist es, frühzeitig gegen die mangelnde Ausbildungsreife im Verbund mit allen Ausbildungspartnern vorzugehen. Das Engagement der Wirtschaft ist viel früher gefordert. In Thüringen haben es schon viele Unternehmen erkannt - aber längst nicht alle!

Matthias Freund