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23.10.11 11:58 Alter: 2 yrs

FRAUENQUOTE - unsere "wirklichen" Probleme?

Von: FREUND HRC

Heiße Luft der Politik und wie immer am Kern der Sache vorbei.

Aktuell mehren sich die Diskussionen in den Medien über die Einführung einer Frauenquote für Top-Positionen in Wirtschaft. Fast möchte man meinen die Medien stecken noch im Sommerloch und angesichts der großen Finanzprobleme in der Welt gibt es derzeit nichts Wichtigeres zu berichten.

Während im Westen Deutschlands die Forderungen nach einer Frauenquote lautstark artikuliert werden, sind in den Ostländern  - vor allem aber auch in Thüringen  - die Auffassung darüber konträr. Thüringer Frauen/Thüringer Unternehmerinnen wollen keine gesetzliche Quote!

Die Diskussion erweckt den Eindruck, in den Chefetagen sitzen „dubiose Männer- Zirkel“ in abgedunkelten und schallgeschützten Räumen und diskutieren, wie das Eindringen von Frauen in Spitzenpositionen verhindert werden kann.

Aber ist dies wirklich so? Aus meiner fast 20 jährigen Tätigkeit als Personalberater ist es mir nicht ein einziges Mal passiert, dass ein Unternehmen, welches eine herausragende Position zu besetzen hat, mir zu verstehen gab, dass man keine Frauen als Bewerber akzeptiert. Das ganze Gegenteil ist der Fall. Bei gleichen Voraussetzungen (Ausbildung, Kenntnisse und Erfahrungen) würde man gern eine Bewerberin in die engere Wahl nehmen bzw. ihr den Vorzug geben. Es hat sich längst in den Industrieunternehmen herumgesprochen, dass erst ein gesunder Mix aus Männern und Frauen in den Führungsebenen ein erfolgreiches Arbeitsklima garantiert.

Woran liegt es also, dass in den führenden Unternehmen zu wenige Frauen in Vorständen und anderen Top-Positionen anzutreffen sind. Ich sehe dafür in erster Linie zwei Gründe:

Erstens liegt es daran, dass wir nach wie vor noch nicht das Problem der typischen Frauenberufe/Männerberufe bei der Berufswahlentscheidung der jungen Menschen gelöst haben. Hier sind wir im Großen und Ganzen nur wenig weiter gekommen. Bei der Wahl des Studienfaches sind die klassischen Ingenieurdisziplinen und naturwissenschaftlichen Bereiche überproportional männlich dominiert. Frauen streben nach wie vor in jene Berufsfelder, die schon immer in weiblicher Hand waren (Gesundheitswesen, Soziales, Bildung und Erziehung, Dienstleistung am Menschen …). Dort allerdings besetzen sie mehrheitlich die Führungspositionen, auch wenn es davon nur wenige DAX Unternehmen gibt. Der Vergleich mit den DAX Unternehmen ist für mich ohnehin fragwürdig. Ich kann jede Schule, jede Sozialeinrichtung, jedes Krankenhaus wie ein Unternehmen betrachten. Wenn ich jetzt alle Führungspositionen nach Geschlechtern betrachte, verschiebt sich die Statistik sicherlich zu Gunsten der Frauen.

Zweitens liegt es daran, dass „der Weg nach oben“ ein harter, steiniger und aufopferungsvoller Weg ist. Leider herrscht noch immer die Auffassung vor, dass Karriere unabdingbar mit 120 %  Einsatzbereitschaft ausschließlich für das Unternehmen verbunden ist. 14-16 h am Tag, am Wochenende, überall in der Welt (uneingeschränkte Mobilität) arbeiten und ständig das Wohl des Unternehmens im Auge behalten. Das ist der Mythos des erfolgreichen Managers. Nur wenige Frauen sind bereit, sich diesem Diktat zu unterwerfen. Für sie sind soziale Aspekte (Familie, Freunde, Kinder) in der Regel wichtiger als nur die Karriere. Hier bedarf es eines kulturellen Wandels! Ich gebe zu, dass dieser Mythos mehrheitlich von Männern durch die Welt getragen wird. Das Leitbild eines erfolgreichen Managers muss sich ändern. Seine soziale Einbindung und Verantwortung, sein kulturelles Engagement und sein privates Umfeld sollten dabei stärker in die Waagschale geworfen werden. Erste Ansätze zum Umdenken kann ich in den großen Unternehmen feststellen. Zwar geschieht dies aus der „demographischen Not“ heraus (Frauen werden überall mehr als Arbeitskräfte benötigt) und nur allmählich aus Überzeugung. Aber es bewegt sich etwas!

Bevor wir also über Frauenquoten und gesetzliche Regularien diskutieren, sollten wir lieber eine breite gesellschaftliche Aussprache darüber führen, was eine erfolgreiche Karriere ist bzw. wie es mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, von Freizeit und sozialem Engagement weitergehen soll. Matthias Freund