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Krank vor Langeweile?

25.09.2017

Burnout kennt jeder - aber Boreout? Das Paradoxe: Häufig klagen die unterforderten Mitarbeiter über zu viel Arbeit.

Dass man von zu viel Arbeit, Stress und Leistungsdruck im Beruf ernsthaft krank werden kann, ist eine Tatsache und darüber habe ich schon öfters geschrieben. Eine permanente Überlastung bleibt für unseren Körper nicht ohne Folgen. Ob Gehirn, Muskel oder Skelett (im Beruf oder im Freizeitsport) sind dabei gleichgestellt. Burnout (englisch ‚burn‘ - ausgebrannt) lautet dann unter Umständen die Diagnose.

Neuerdings geistert aber durch die Medienlandschaft ein ähnlich klingender Begriff - Boreout (englisch ‚boredom‘ - Langeweile). Dieser Begriff umschreibt ein Symptom, das genau das Gegenteil von ausgebrannt (überlastet) darstellt. Das Gegenstück auf der Belastungsskala - Menschen, die vom Arbeitsleben „ausgelangweilt“ sind.

Die wissenschaftliche Forschung (Medizin und Psychologie) tut sich im Moment noch etwas schwer, hier von einem eigenständigen Krankheitsbild zu sprechen. Wenngleich die permanente Unterforderung im Arbeitsleben vergleichbare Krankheitssymptome wie zum Beispiel Schlaflosigkeit, Niedergeschlagenheit, Depression, Antriebslosigkeit, Kopf- und Magenbeschwerden sowie eine verstärkte Infektionsanfälligkeit u.v.m. hervorbringen können.

Im Endeffekt kann auch diese negative Belastungsspirale (Unterstress) zum Burnout führen.

Für die Leser unter Ihnen, die jeden Tag an einem industriellen Arbeitsplatz nach genormten Zeittakten ihre Arbeit verrichten müssen, klingt dies wie eine Luxuskrankheit. Mit Sicherheit hat es auch in der Vergangenheit langweilige Arbeitsplätze und unausgelastete bzw. unterforderte Mitarbeiter gegeben. Aber der heutige Zeitgeist arbeitet der Entstehung von Boreout-Symptomen zu. Wir sind erzogen in der Vorstellung, täglich unser Bestes zu geben, Herausforderungen als Chance zu begreifen und sich diesen zu stellen. Höher – schneller - weiter!  Stress - die Ehrenmedaille der Erfolgreichen! In Abgrenzung zu den tatsächlichen Faulenzern wollen die unter Boreout leidenden Mitarbeiter eigentlich auch zeigen, was sie können. Sie sehnen sich ebenso nach Anerkennung und Erfolg für erbrachte Leistungen, wie die allermeisten unter uns.

Wo liegen die Ursachen? Als eine der Hauptgründe wird die immobile Arbeitswelt gesehen. Begehrte Arbeitsplätze sind oft nicht in der unmittelbaren Nähe des Wohnortes und dies hat zur Folge, dass man folgenreiche Kompromisse bei der Arbeitsplatzwahl eingeht. Häufig sind davon der öffentliche Dienst, die Arbeit in Verwaltungsberufen sowie die klassischen Bürotätigkeiten betroffen. Die Sehnsucht nach einem sicheren Arbeitsplatz überlagert den Wunsch nach inhaltlicher Erfüllung im Arbeitsalltag. Kurze Wege zur Arbeit und dann noch quasi unkündbar im öffentlichen Dienst. Die Verlockung ist zu groß. Wenn dann noch der Arbeitgeber den Arbeitsplatz ohne eine gründliche Person-Tätigkeits-Analyse schematisch besetzt, dann ist die Unterforderung vorprogrammiert.

Zusätzlich entsteht eine paradoxe Situation. Der Unterforderte schafft natürlich seine ungeliebte, ihn eigentlich langweilende Arbeit in relativ kurzer Zeit. Danach entsteht Leerlauf. Die Langeweile vergrößert sich. Aus Angst, dass dieser Leerlauf entdeckt wird und er mit zusätzlicher, ungeliebter Arbeit eingedeckt wird, führt schnell dazu, dass diese Mitarbeiter Auslastungsstrategien entwickeln. Sie täuschen den Kollegen und Vorgesetzten eine mindestens 120-prozentige Auslastung vor. Vielleicht kennen Sie solche Kollegen, die mit der Kaffeetasse in der Hand auf dem Flur stehen und  jedem, der dazukommt, erklären, wie groß der Berg an Arbeit heute wieder einmal ist. Häufig brennt bei diesen Mitarbeitern das Licht im Büro als letzter.

Es entsteht ein selbstverstärkender Effekt, die Abwärtsspirale beginnt. Aus Boreout wird mit der Zeit Burnout! Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass sich die unterforderte Mitarbeiter von den tatsächlich faulen Mitarbeitern, den „Drückebergern“ und „Auskennern“ nur noch schwer unterscheiden lassen. Beide Gruppen täuschen Leistung und Auslastung vor. Sowohl Bore- als auch Burnout haben negative Auswirkungen auf die Mitarbeiter und die Leistung des Unternehmens. Selbstverständlich könnte man sich als Betroffener in dieser Situation auch selbst helfen. Mit den Vorgesetzten sprechen, eine Erweiterung des Aufgabengebietes einfordern, bitten, die Aufgaben im Team gerechter qualitativ und quantitativ zu verteilen oder in letzter Konsequenz auch den Arbeitsplatz bzw. den Arbeitgeber wechseln. Wären da nicht die bequemen Faktoren für die Arbeitsplatzwahl.

Wer durch permanente Unterforderung erst einmal die innerliche Kündigung ausgesprochen hat, der wird sich nicht mehr inhaltlich engagieren. Daher brauchen wir Führungskräfte und Kollegen, die rechtzeitig die Symptome erkennen, für dieses Thema sensibilisiert sind und gemeinsam mit den Mitarbeitern (ohne Ängste zu erzeugen) rechtzeitig entgegen steuern.

Ist es eine Luxuskrankheit? Mit Sicherheit brauchen wir sie nicht!