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Quereinsteiger - ein Mythos?

19.09.2017

Die Sehnsucht, sein Leben einmal grundlegend zu ändern und völlig neue Wege zu gehen, ist geschlechtsübergreifend bei vielen Menschen vorhanden. Verbreitete Thesen führen dies auf einen hormonellen Zyklus im Menschen zurück, der ca. alle sieben Jahre zu auffälligen Wechseln und Neuausrichtungen im Leben führen soll. Überzeugende wissenschaftliche Beweise liegen dafür jedoch noch nicht vor.

Wie dem auch sei,  die meisten belassen es bei der Sehnsucht (suchen sich keinen neuen Lebenspartner, ändern nicht den Freundeskreis oder das Hobby und wechseln auch nicht das angestammte Berufsfeld). Andere aber tun dies. Regelmäßig erreichen mich in diesem Zusammenhang Bewerbungen verbunden mit der Bitte, ein interessantes Berufsangebot in einem völlig neuen Beruf bzw. Berufsumfeld zu bieten. Doch wie real ist dieser Wunsch?

Selbstverständlich gibt es Beispiele, wonach ausgebildete Musiker/Dirigenten einen großen technischen Konzern leiten oder Geisteswissenschaftler leitende Positionen in Weltunternehmen erfolgreich ausüben. Auch andersherum, erfahrene Top-Manager ihren gesamten Besitz verkaufen, ihre Macht abgeben und sich auf einen Gebirgsbauernhof zurückziehen, um dort handgemachten Käse zu produzieren. Und schließlich kann man ja auch noch ohne Ausbildung Pop-Star werden, wenn man Dieter Bohlen vorher überzeugt. Was in der medialen Glitzerwelt stark überhöht dargestellt wird, ist aber nicht die Regel! Hier werden falsche Vorbilder für Lebensplanungen - insbesondere bei unseren jungen Menschen - geweckt. Deutschland ist in diesem Sinne auch sehr konservativ. In anderen Ländern tritt man Quereinsteigern offener entgegen. Man erkennt sehr schnell, dass sich die Firmen nur dann für Quereinsteiger öffnen, wenn sie im regulären Beruf einen großen Mangel an Nachwuchs bzw. an ausgebildeten Fachkräften haben. Anfang der 90er Jahre, in der Hochphase des Baubooms, wurden bereitwillig verfügbare Ingenieure für Maschinenbau oder andere technische Disziplinen als Bauleiter auf zahlreichen Baustellen eingesetzt. Gleiches galt eine Zeit lang für informationstechnischen Berufe. Heute will man ausschließlich gut in der Branche ausgebildete Fachleute.

Wer sich die Mühe macht und in den gängigen Suchmaschinen für Stellenangebote den Begriff Quereinsteiger eingibt, der findet selbstverständlich berufliche Optionen in jeder Region. Dies sind Angebote im Umfeld folgender Branchen und Tätigkeiten: Pflege- und Altenbetreuung (soziale Dienste), Vertrieb/Verkauf, Callcenter, IT Support, Wach- und Sicherheitsdienste, Fahrer, Maschinenbedienung, Kundenservice, Gebäudereinigung etc.). Und dann gibt es regelmäßig dubiose Offerten, mit denen man ohne viel Anstrengung schnell reich werden kann. Grundsätzlich können Sie auch viel Geld als 100-prozentig selbstständiger Immobilien-, Finanz - oder Verkaufsberater verdienen (Sie kennen die einschlägigen Anzeigen mit nur 4 Stunden Arbeit am Tag bis zu 10.000 € im Monat verdienen). Jeder kann auch Millionär im Lotto werden! Auf die Wahrscheinlichkeit möchte ich aber nicht näher eingehen. 

Unsere hochtechnisierte Wirtschaft ist in allen Branchen sehr komplex und wird von Jahr zu Jahr anspruchsvoller, was die mitzubringenden Voraussetzungen im Wissen und Können der Arbeitnehmer angehen. Eine solide Berufsausbildung bzw. ein praxisrelevantes Studium sind und bleiben die besten Voraussetzungen (die 1. Wahl) für ein erfolgreiches Berufsleben. Wer dennoch den Versuch unternimmt, als Quereinsteiger einen Wandel in seinem Berufsleben zu bewerkstelligen, der sollte sich vor allem auf seine eigenen Voraussetzungen hinsichtlich der sogenannten „Softskills“ achten. Dahinter verbergen sich überwiegend die sogenannten „Tugenden“ und persönlichen Einstellungen. Wo konkretes (berufliches) Wissen fehlt, da braucht es eben Lernbereitschaft, eine schnelle Auffassungsgabe, Durchhaltevermögen, Teamfähigkeit, Einsatzbereitschaft, Verlässlichkeit und vieles mehr. Bei Quereinsteigern ist vor allem das Bild der Persönlichkeit gefragt. Für den Arbeitgeber ist schließlich die Frage wichtig, ob sich ein Bildungsinvestment lohnt. Konzentrieren Sie sich daher bei Ihrer Bewerbung auf die Darstellung jener erforderlichen Eigenschaften, mit denen sie in vorangegangenen Positionen erfolgreich gearbeitet haben. Finden Sie die gemeinsamen Schnittmengen zwischen den notwendigen persönlichen Eigenschaften der bisher ausgeübten Tätigkeiten und denen im neuen Job. Dann werden ihre Bewerbung und die damit einhergehende Sehnsucht nach Veränderung hoffentlich erfolgreich sein.